Liebe Dora

Sidley Park, im Oktober 1812

 Liebe Dora,

 

sie ist gestorben. Nein. Sie ist tot. Verbrannt. Ihre Kerze muss die Vorhänge entzündet haben, und die alten Balken haben ihr Übriges getan.

 

Ich muss annehmen, dass H. nicht ganz unschuldig ist – er hat seither kein Wort zu viel gesprochen, und das will etwas heißen. Schade eigentlich, die Wortgefechte mit ihm waren belebender als mein 5-Uhr-Gin. Thomasina war wohl derselben Meinung (entflammt, würde ich sagen, wenn es nicht einen Hauch geschmacklos wäre in diesem Zusammenhang), und ich kann es ihr nicht verdenken. Ich hoffe doch, es war ein schneller Tod im Schlaf nach einem amüsanten Abend. Da ich mich im Westflügel aufhielt, haben wir es erst bemerkt, als die Dienerschaft schon das Löschen begonnen hatte. Der Graf hat ein unsägliches Verhalten an den Tag gelegt, dieses Heulen und Haareraufen, entsetzlich weibisch! Ich hatte gedacht, nur die Südeuropäer neigten zu dieser Art öffentlicher Gefühlsausbrüche; ich musste ihm die Abreise nach Polen nahelegen. Gatte George hat selbst das verschlafen. Nun ja, in seinem Alter.

 

Seither ist es ruhig geworden in Sidley Park.

 

Kinder sollten nicht vor ihren Eltern sterben, es bringt Unordnung in den Fluss der Zeit. Mein Arkadien hatte ich mir so nicht gedacht - soll Noakes seine romantische Düsternis in Szene setzen, ich will nicht mehr damit behelligt werden. Auch wenn ich immer noch der Überzeugung bin, dass Romantik mehr mit Leidenschaft als mit Vergänglichkeit zu tun hat.

 

A propos: Ich werde den Winter in London verbringen. Lord B. hat Quartier im West End bezogen. Werden wir uns sehen?

 

Constance


Arkadien hat Premiere am 8. August 2011 im Hamburger Sprechwerk!

Nach zwei Jahren Vorbereitung ist es endlich soweit:

Am Montag, dem 8. August sowie am 9. und 10. August spielt Theater U34 das zauberhafte Stück Arkadien von Tom Stoppard im Hamburger Sprechwerk.

Sei da!

Zum Inhalt

England, 1809: Lord Byron, berühmter Dichter und Liebhaber, besucht die Familie Coverly auf ihrem englischen Landsitz Sidley Park. Die Mutmaßungen darüber, was Byron auf dem Lande alles getrieben haben könnte, beschäftigen in der Gegenwart den Byron-Forscher Bernard, der heute die Nachkommen der Coverlys auf eben jenem Landsitz besucht. Er wähnt sich bald in den Fußstapfen Byrons und vermutet, dass der Dichter dort die Frau eines anderen Schriftstellers verführt und diesen dann im Duell erschossen hat. Währenddessen haben 1809 (und später 1812) die Coverlys von damals ganz andere Probleme fast profaner Art: Die junge aber frühreife Tochter des Hauses Thomasina ist in den Hauslehrer Septimus verliebt, der sich seinerseits in ein amouröses Abenteuer mit Thomasinas Mutter verstrickt. Mutter hat sich aber in den Dichterstar Byron verguckt. Zurück in der Gegenwart muss Bernard sich mit der kauzigen attraktiven Erfolgsautorin Hannah herumschlagen, die die Coverlysche Familienbibliothek hütet und an einem neuen Buch über einen mysteriösen Eremiten forscht, der seit 1812 auf dem Anwesen gelebt hat. Glücklicherweise kann er sich mit Chloë, der Tochter des Hauses, ablenken, deren Bruder wiederum in Hannah verliebt ist …

Zum Autor

Oscar-Preisträger Sir Tom Stoppard (Shakespeare in Love), geboren 1937 in der Tschechoslowakei, gelangte als Kind nach England, wo er einer der einflussreichsten und renommiertesten Dramatiker ist, der neben zahlreichen Stücken (u.a. Rosencrantz und Güldenstern sind tot) auch für Radio, TV und Film schrieb (Terry Gilliams Brazil und Das Reich der Sonne).

Über das Stück

Stoppards melancholische Komödie verknüpft die verschlungenen Wege von Liebe und Sex mit Chaostheorie und Literaturgeschichte. Stoppards Figuren beleuchten die Natur der Vergänglichkeit, Fermats letzten Satz, wissenschaftliche und romantische Erkenntnis und den freien Willen.


Fermats Letzter Satz

SEPTIMUS: [...] Fleischliche Umarmung ist sexueller Verkehr, nämlich die Penetration des femininen Genitalorgans mittels des maskulinen Genitalorgans zwecks Vermehrung und Wollust.  Fermats letzter Satz hinwiederum behauptet, daß, sofern x, y und z ganze Zahlen in der n-ten Potenz sind, dann die Summe der ersten beiden Zahlen niemals gleich der dritten sein kann, wenn n größer als 2 ist.
(Pause)
THOMASINA: Uuuuääääääh!
SEPTIMUS: Wie Sie meinen, aber so heißt der Satz.
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Die Aussage von Fermats Letztem Satz steht fettgedruckt im Szenenausschnitt oben, und Septimus Hodges Formulierung ist auch schon recht präzise...
...nur was mag dieser Satz bedeuten?
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